
Grußwort zur Kundgebung der Milchbauern vor dem Rottweiler Milchwerk
16. April 2009
bundesweiter Molkerei-Aktionstag
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Schleicher,
vielen Dank für die Einladung, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Über die Osterfeiertage war ich mit einem Rottweiler Hilfskonvoi in unserer, von einem schweren Erdbeben heimgesuchten Partnerstadt L’Aquila in den Abruzzen.
Noch unter dem Eindruck dieses Besuchs steht mein Grußwort an Sie, sehr geehrte Milchbauern und -bäuerinnen aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg.
Trotz all der in L’Aquila gesehenen Zerstörung und dem Elend, bekam man von den davon Betroffenen dort zumeist die Antwort:
„Es geht uns gut!“
Durch so plötzlich erfahrenen Verlust, schärft sich anscheinend bei den Leidtragenden blitzschnell der Blick für das Wesentliche:
für nachbarschaftliche Hilfe,
das schützende Zelt,
die Wolldecke,
für das Stück Brot,
die warme Suppe,
für das klare Trinkwasser
und natürlich auch für den Schluck Milch.
Als Botschaft aus diesem erschütternden Notstandsgebiet bringe ich also die Erkenntnis mit, dass es auch uns wieder mehr um unsere Beziehung zu den Dingen gehen sollte – vor allem auch darum, welchen Wert wir ihnen beimessen.
Es wirkt wie ein Anachronismus: Trotz eines durch Gier und Profitsucht verursachten Finanzdebakels, bringt immer noch – Abend für Abend – die Fernsehwerbung der Postbank es schamlos auf den Punkt: Unterm Strich zähl ich!
Sind wir doch mal ehrlich. Gehören nicht wir alle doch mehr oder weniger zu den Schnäppchenjägern dieser Marktwirtschaft?
Wer von uns liest nicht mit großem Interesse die ganzseitigen Anzeigen der bekannten Supermarktketten? Wer von uns profitiert denn nicht auch gerne von den Dauer-Tiefstpreisen der Bekleidungsdiscounter, Möbelhäuser, Bau- oder Medienmärkte?
Fairer Handel? – Ich bin doch nicht blöd!
Viele multinationalen Billigheimers verlagern ihre Produktionsstandorte in Gebiete mit niedrigeren ökologischen und sozialen Standards. Gespart wird bei den Produktionsbedingungen und die Folge sind weltweit katastrophale und menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse, Armut und die Verletzung von Menschenrechten.
Viele Betroffene wissen sehr wohl, dass sie ihr Elend der Profitgier westlicher Konzerne zu verdanken haben und auch, dass unser hoher Lebensstandard nur auf Kosten der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen gehalten werden kann.
Diese wirtschaftliche Fehlentwicklung, nimmt seit einiger Zeit auch Besitz von den standortgebundenen Produktionsstätten der heimischen Erzeuger. So ist auch bei uns in Baden-Württemberg die Viehhaltung seit Jahren massiv in ihrer Existenz gefährdet.
Dies trifft die Schwarzwaldbauern mit reiner Steillagenlandwirtschaft in besonderer Härte, gründet sich doch deren betriebliche Existenz ausschließlich auf Weide- und Milchwirtschaft.
Minister Hauks Bevorzugung von Großbetrieben und Exportförderung drängt die Bergbauern an den Rand ihrer Existenz.
Wir Grünen fordern daher nachhaltige Maßnahmen zum Erhalt der bäuerlichen Betriebe. Die Fördermittel sind vorhanden, sie müssen aber auch dort wirken, wo sie sollen. Wenn im Land, auf Bundes- und auf EU-Ebene jetzt nicht wirksam umgesteuert wird, sind die idyllischen Bilder von Milchkühen schon bald nur noch schönes Souvenir auf den Hochglanzbroschüren der Tourismuswerbung.
Ein „weiter so“ in der Milchpolitik ist daher der völlig falsche Weg, der am Ende die bäuerlichen Betriebe und die Umwelt gleichermaßen als Verlierer dastehen lässt.
"Es muss sich etwas ändern" verkünden plötzlich selbst diejenigen, die sonst immer noch schamlos heiligen Neoliberalismus predigen. Nur was soll sich denn ändern?
Am Besten doch erst einmal so schnell wie möglich deren eigene Haltung!
Eine Abwrackprämie fürs Denken wäre in diesem Zusammenhang wahrscheinlich die zukunftsfähigste Lösung – denn auch für die Milchwirtschaft liegt der Schlüssel für nachhaltige Veränderungen bei staatlichen Eingriffen in die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und bei angebotsreduzierenden Schritten.
Das dauerhafteste Veränderungspotential allerdings, liegt in der gesellschaftlichen Entwicklung eines wertebewussteren Konsumverhaltens. Für Milch muss endlich wieder der auskömmliche Preis bezahlt werden, den sie uns allen wert ist!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.